MEKONG - DER GROSSE STROM

 

Der Mekong ist mit etwa 4.800 Kilometern Länge – verteilt auf sechs Länder – der zwölftlängste Fluss der Erde. Hinsichtlich des Wasservolumens liegt der südostasiatische Strom sogar an achter Stelle. Sein Einzugsgebiet nimmt eine Gesamtfläche von etwa 795.000 Quadratkilometern ein, da würde die Schweiz fast zwanzigmal hineinpassen. Vom nördlichen Laos bis zur Mündung sind mehr als 60 Millionen Menschen direkt von ihm abhängig. Der „Große Strom“ bewässert ihre Felder und liefert mit seinem Fischreichtum lebenswichtige Nahrung. life@sea machte sich – stilecht mit einem flachgehenden, kräftigen Motorschiff im Indochina-Stil – auf den Wasser-Weg entlang des Mekong und beschreibt die Lebensader des kontinentalen Südostasien von Kampong Cham über Phnom Penh in Kambodscha bis zum vietnamesischen Mekong-Delta in der Nähe von Saigon.  Text & Fotos_Matt. Müncheberg   

 

Es ist, als wolle der Mekong zum Schluss unserer einwöchigen Schiffsreise noch einmal alle Register ziehen: Südlich von Hồ-Chí-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, verbreitern sich die Zwillingsflüsse  Bassac und der parallel verlaufende eigentliche Mekong, nun auch Tiền Giang oder sông Tiền („Oberer Mekong“) und Hậu Giang oder sông Hậu („Unterer Mekong“) genannt. Hier bilden sie das  über 70.000 Quadratkilometer ausgedehnten Mekong-Delta und strömen in das Südchinesische Meer. Eigentlich sind es sogar neun Hauptarme, in die sich der Mekong hier aufteilt, was ihm in der Bevölkerung auch den vietnamesischen Beinamen Song Cửu Long, „Neun-Drachen-Fluss“, eingebracht hat.

 

Dabei sind die Anfänge des mächtigen Stromes eher bescheiden: Die Quelle des Mekong liegt irgendwo im Hochland von Tibet; chinesische Forscher geben als Ursprung ein etwa 5.200 Meter  hoch gelegenes Gebiet nahe dem Ort Ganasongdou auf der Nordabdachung des Dangla-Gebirges in der chinesischen Provinz Qinghai an. Es gibt aber auch Stimmen, welche den Ursprung des Flusses weiter westlich am Rupsa-La Pass in 4.975 m Höhe geortet haben wollen bzw. am Berg westlich des Jifu Shan auf der Höhe von 5.374 Metern Höhe.

 

Fakt ist, dass der etwa 4.800 Meter lange Strom sechs Länder durchfließt – in denen er jeweils einen eigenen Namen erhielt: die Tibeter nennen ihn – seiner bräunlichen Farbe wegen – nur Dza Chu, Lehmiger Fluss, durch China fliesst er als Lancang Jiang, was man mit „Turbulenter Fluss“ übersetzen kann, in Myanmar, dem früheren Birma, nennen ihn die Einwohner Mekaung Myit, und in Laos heisst der Mekong Mae Nam Khong. In Thailand ist der Fluss teilweise ein Grenzstrom und wird dort Mae Nam Khong genannt. In Kambodscha wird der Mekong dann zum Tonle Thom, zum „Großen Fluss“, bevor er in Vietnam als Song Lon (ebenfalls „Großer Fluss“, auf Vietnamesisch) und schließlich zum Sông Cửu Long, zum „Neun-Drachen-Fluss“ wird.

 

Etwa die Hälfte der Gesamtlänge des Mekong, also etwa 2.400 Kilometer, liegt dabei auf chinesischem Staatsgebiet. In einer Meereshöhe von etwa 500 Metern verlässt er China und bildet für rund 200 Kilometer den Grenzfluss zwischen Myanmar und Laos. Am Ende dieser Strecke mündet der Mae Nam Ruak in den Mekong, wodurch das Dreiländereck (Goldenes Dreieck) zwischen Laos, Myanmar und Thailand gebildet wird. Diese Stelle markiert auch den Übergang vom oberen zum unteren Mekong.

 

Daran anschließend bildet der Fluss die Grenze zwischen Laos und Thailand, durchfließt in einer Schleife durch teils tiefe Schluchten und Stromschnellen das nordwestliche Laos bis Luang Prabang. Bei Xayaburi ist seit 2013 der erste, sehr umstrittene laotische Staudamm des Mekong im Bau. Unter anderem der WWF befürchtet negative Auswirkungen dieses Projektes auf den Naturhaushalt und auf die Landwirtschaft im Mekong-Delta, denn der Staudamm trage dazu bei, dass weniger Sedimente flussabwärts transportiert würden – wenn jedoch die Sedimente als Baustoff ausfallen würden, drohe das Delta ökologisch umzukippen, so der WWF.

 

Weiter südlich bildet der Mekong wieder eine Grenze, dieses Mal für mehrere hundert Kilometer die  zu Thailand, er führt an der laotischen Hauptstadt Vientiane vorbei, bis er weit im Süden des Landes erneut im Landesinneren durch die Region Si Phan Don („Viertausend Inseln“) und die Stadt Pakse (franz. Pakxé) fliesst. Südöstlich der Stadt Muang Khong verlässt der Mekong Laos und durchfließt anschließend Kambodscha. Die Sambor-Wasserfälle nahe der kambodschanischen Stadt Kratie sind das letzte Hindernis, welches die Schiffbarkeit des Flusses bis zur Mündung unterbricht.

 

Genau aus diesem Grund starten wir unseren Mekong-Törn südlich dieser Wasserfälle. Wir treffen uns in dem kambodschanischen Städtchen Siem Reap, das für viele Touristen nur als Zwischenstopp für einen Besuch der berühmten Tempelanlagen von Angkor Wat aufgesucht wird – auch für uns gab es keinen Grund, dort länger als nötig zu verweilen. Ein Bus der vietnamesischen Heritage Line-Reederei bringt uns in den etwa zwei Stunden entfernten Ort Kampong Cham, wo unser Schiff, die im Indochina-Stil gestaltete MS JAHAN, sicher vertäut am Ufer des hier stark strömenden Mekong  wartet.

 

Wir sind froh, der „Tourist Trap“ Siem Reap entflohen zu sein, und nutzen die verbleibende Zeit bis zum Ablegen des 2011 in Dienst gestellten, komfortablen Fluss-Kreuzfahrers zu einem Ausflug auf eine 700 Meter lange und zwei Meter breite, nur aus Bambus errichteten Brücke, die während der nun herrschenden Trockenzeit (Oktober bis April) einen Seitenarm des Mekong überspannt und sogar Mopeds samt ihrer Fracht tragen könne, wie uns Pann Heng, unser englisch sprechender Guide aus Siem Reap, versichert.

 

Viel interessanter ist jedoch ein Abstecher zu einer privat betriebenen kleinen Schule unweit des Flusses, in der 300 Kinder aus den umliegenden Dörfern kostenlos in Englisch, Khmer und Französisch unterrichtet werden. Die teuren Schuluniformen gibt es hier umsonst, und mehr als 60 Kindern wird ein Schulbesuch bei einer staatlichen Schule ermöglicht; in der von der Heritage Line-Reederei unterstützten „Organization für Basic Training“ (kurz: OBT) können zudem auch Computer-, Musik- und Tanzkurse belegt werden, und es gibt ein Hospitality-Trainingsprogramm, um die teilweise aus sehr armen Verhältnissen stammenden Kids für den Arbeitsmarkt fit zu machen.

 

Als Tourist kann man OBT – außer natürlich durch Spenden – unterstützen, indem man speziell angebotene Farming- oder Cooking-Classes besucht, mit den Mitarbeitern auf dem Mekong Fischen geht oder eine Tour auf einem der traditionellen Ochsenkarren bucht. So kann man sich einen guten Überblick verschaffen über die hier betriebene Landwirtschaft; insbesondere Reis, aber auch Mais, Zuckerrohr, Tabak und Obst werden am gesamten Unterlauf des Stromes kultiviert. Oder man mietet sich in einem der kleinen und einfachen (dafür aber sehr preiswerten) traditionellen Gästehäuser von OBT ein. Vorteil: so erhalten Besucher direkten Kontakt zu den einheimischen Menschen vor Ort.

 

Dann ist es endlich soweit – die MS JAHAN löst die Festmacherleinen und holt den Anker ein. Das fast unhörbare Generator-Gebrumm des Schiffes wird nun durch das nicht viel lautere Tuckern des kräftigen Schiffsdiesels abgelöst. Der schiebt uns nun Richtung Süden den Mekong entlang, der, leicht braun gefärbt, an manchen Stellen mehrere hundert Meter breit ist.

In der Monsunzeit, also in den Sommermonaten, sei die Färbung des Flusses tiefbraun, sagt Khim Rithy aus Phom Penh, Schiffs-Guide auf der MS JAHAN. Da der Strom gewaltige und auch stark variierende Wassermassen führe, liege in manchen vom Mekong durchflossenen Landschaften in der Regenzeit der Wasserstand um zehn bis 15 Meter über dem Niedrigwasserstand des jetzt gerade herrschenden kambodschanischen Winters.

 

Das macht die Navigation für die vietnamesische Crew der MS JAHAN nicht gerade einfach: höchste Konzentration ist etwa gefragt, als wir am nächsten Tag am Ufer des Mekong direkt vor Angkor Ban, einem vom Tourismus nahezu unberührten Dorf mit einer kleinen Tempelanlage festmachen wollen, ohne dabei den Grund zu berühren.

 

Kein Problem für den erfahrenen Kapitän – nur kurze Zeit später schlendern wir durch den Ort, von den Einheimischen neugierig beäugt wegen unserer hellen Hautfarbe und unserer langen Nasen. Schnell kommt man mit den Einheimischen ins Gespräch, die bereitwillig Auskunft geben und uns sogar in ihre traditionellen, auf Pfählen gebauten Häuser einladen.

Später kommen zwei buddhistische Bettel-Mönche aufs Schiff und bieten eine „Blessing Ceremony“ dar – im Austausch gegen ein paar Geldscheine und mehrere Töpfe voller Speisen aus der bord-Küche. Während die beiden Mönche, mit verschränkten Beinen vor uns sitzend, ihren monotonen, zweistimmigen Singsang aufführen, klingelt ein Handy – einer der Mönche greift in sein orangefarbenes Gewand, unterbricht seine „Zeremonie“ kurzerhand und telefoniert erst einmal ungeniert.

 

Später erzählt uns einer unserer vietnamesischen Guides von einem Onkel, der sich, nur kurze Zeit, nachdem er als Bettelmönch angefangen hat zu arbeiten, mehrere teure und teils luxuriöse Pkw hat leisten können. 

 

Weiter geht es stromabwärts bis nach Koh Okhna Tey, das uns die Einheimischen mit „Silk Island“ übersetzen. Das Zentrum dieser kleinen Seiden-Insel erreichen wir von unserer Anlegestelle am Mekong-Ufer mit einem speziellen Tuk-Tuk: einem offenen Lkw-Anhänger mit Holzpritschen, vor den einfach ein Moped gespannt wurde. In Koh Okhna Tey lernen wir, dass der tierische Faserstoff aus den Kokons der Seidenraupe, der Larve des Seidenspinners, gewonnen wird, dass Seide die einzige in der Natur vorkommende textile Endlos-Faser ist und hauptsächlich aus Protein besteht.

 

Wenn sich die Raupen verpuppen, produzieren sie die Seide in speziellen Drüsen in ihrem Maul und legen diese in Schlaufen mit bis zu 300.000 Windungen um sich herum. Eine Frau zeigt uns die gezüchteten Raupen und ihre gelblichen Kokons. Sie zeigt uns auch, wie sie die Raupen in heißem Wasser vor dem Schlüpfen abtötet. So soll verhindert werden, dass die Kokons zerbissen werden.

 

Danach wickelt sie die feinen und sehr langen Filamente auf ein Spinnrad, welches sie per Hand antreibt. Um 250 Gramm Seidenfaden zu erhalten, werden etwa 3.000 Kokons benötigt – das entspricht etwa einem Kilogramm. Die so gewonnene gelbe Seide wird dann gebleicht und gefärbt, und nur wenige Meter weiter stehen per Hand und Fuß betriebene hölzerne Webstühle bereit, an denen junge Frauen unermüdlich Seidentücher herstellen, welche am Ende der „Seidenstrasse“ von Koh Okhna Tey zum Verkauf angeboten werden.

 

Unsere weiße MS JAHAN fährt, leise tuckernd in den Sonnenuntergang hinein. Der Anker fällt mitten in der Nacht in der Nähe von Kampong Chhnang, einem typischen Mekong-Dorf. Erstaunlich, wie der Schiffsführer bei völliger Dunkelheit seinen Wasser-Weg auf dem teils breiten, teils aber auch sehr schmalen Strom findet, denn es gibt hier so gut wie keine Schifffahrtszeichen, und oft stehen mitten im Fluss Stellnetze oder ankern die typischen schlanken Boote der Fischer, welche oft genug unbeleuchtet sind.

 

Mit einer dieser langen, flachgehenden Barken passieren wir auf dem Fluss verankerte „Schwimmende Dörfer“ vietnamesischer Immigranten aus den 1980er Jahren, wir besuchen ein kleines, von der sogenannten „Zivilisation“ nahezu unberührtes Dorf, in dem auf traditionelle Art und Weise Töpferwaren und Palm-Zucker hergestellt werden, und wir nehmen teil an einer Unterrichtsstunde der „Green School“, einer ebenfalls von der Heritage Line mitfinanzierten Privatschule, welche Kindern, die aus armen Verhältnissen stammen, kostenlosen Unterricht anbietet.

 

Wir befinden uns nun nördlich der Hauptstadt von Kambodscha, Phnom Penh, wo der Tonle-Sap-Fluss in den Mekong einmündet. Hier gibt es eine seltene und in dieser Dimension einmalige geografische Besonderheit: Der Tonle-Sap-Fluss, der aus dem gleichnamigen See gespeist wird, wechselt die Fließrichtung, wenn der Mekong Hochwasser führt, und seine Wassermassen in den Nebenfluss drängen. Dann füllt er alljährlich für mehrere Monate den See, dessen Abfluss er normalerweise ist. Erst wenn der Monsun und die Hochwasserpegel zurückgehen, kehrt auch der Fluss seine Richtung wieder um, und das Wasser des Sees fließt zum Mekong hin meerwärts ab.

 

Natürlich gibt es viele Sehenswürdigkeiten in Phnomh Penh, der schnell wachsenden, „boomenden“ Millionen-Metropole mit seinen vielen hübschen Kolonialbauten wie dem Hotel Le Royal, dem Art-Déco-Zentralmarkt Phsar Thmei und dem Foreign Correspondent’s Club of Cambodia. Frangipani-Bäume säumen breit angelegte Alleen und luftige Seitenstraßen in einer zerrissenen Stadt, in der es noch vor wenigen Jahren kein einziges Hochhaus gab, und dessen Skyline sich nun schnell mit Wolkenkratzern meist chinesischer großer Immobilen-Unternehmen füllt. Ganz vorn in der Tourismus-Gunst stehen der Königspalast, die Silber-Pagode und das National-Museum. Auch das Nachtleben ist attraktiv – für wenig Geld kann man gut essen; diverse Bars buhlen um Gäste.

 

Den zumeist in ärmlichen Verhältnissen lebenden Einwohnern von Phnomh Penh habe dieser Bau-Boom indes nichts genutzt, erzählt uns einer unserer Guides: sie hätten ihre Grundstücke für eine Handvoll Dollar an korrupte Funktionäre verkaufen müssen, die diese dann für Millionensummen an Real Estate-Unternehmen weiterverkauft hätten. Wer sich darauf nicht habe einlassen wollen, sei kurzerhand enteignet worden.

 

Wir entscheiden uns bei unserem Törn-Stop in Phnom Penh bewusst für einen Besuch der sogenannten Killing Fields in Choeung Ek unweit des Zentrums, die an den Wahnsinn der Herrschaft der Roten Khmer in den Jahren 1975 bis 1978 erinnert. Nachdem Phnom Penh im April 1975 von den Roten Khmer erobert worden sei, sei die Stadtbevölkerung umgehend aufs Land evakuiert worden, erklärt uns unser Guide Khim Rithy, schließlich sollte in Anknüpfung an das Reich von Angkor ein ideologisch am Maoismus angelehnter autarker Bauernstaat erschaffen werden.

 

„Städte galten im ideologischen System der Roten Khmer als kapitalistisch und konterrevolutionär“, ihre Bevölkerung sei entrechtet worden, und ein großer Teil von ihnen sei bei Zwangsarbeit in der Landwirtschaft und in Gefängnissen durch Hunger, Entkräftung und Krankheiten ums Leben gekommen, sagte Rithy, der selbst als Jugendlicher mehrmals von den Roten Khmer verhaftet worden war, jeweils nur mit viel Glück den Fängen seiner Häscher entkommen konnte, und der selbst in dieser „schlimmen Zeit“ Familienmitglieder durch den Terror der Roten Khmer verlor.

 

Viele von denen, die noch am Leben waren, wurden kurzerhand von den Roten Khmer – völlig willkürlich – exekutiert. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte dabei unter anderem die wohl bekannteste Stätte der Killing Fields in Choeung Ek. Allein hier sollen 17.000 Menschen umgebracht worden sein, insgesamt kamen durch die Roten Khmer mehr als zwei Millionen Menschen ums Leben.

 

Der Besuch der „Killing Fields“ stellte für viele Gäste der MS JAHAN einen Wendepunkt des Törns dar. Viele wirkten danach nachdenklich, man sprach, wenn überhaupt, leise miteinander, und die unbeschwerte, fröhliche Ausgelassenheit der Reise war plötzlich verschwunden. Sie wich einer Ernsthaftigkeit, die bei vielen zu Selbstreflektion und einem Nachdenken über die Natur des menschlichen Wesens führte. Auch eine abendliche Tanzvorführung der „Khmer Angels“ mit mystischen Tänzen und ein anschliessender Bummel durch das quirlige Nachtleben Phnom Penhs konnten daran nicht viel ändern.

 

Am fünften Tag unserer einwöchigen Schiffsreise entlang des faszinierenden Mekongs passierte unser Schiff – von seinen Gästen nahezu unbemerkt – die Wasser-Grenze zu Vietnam. Die Gäste freuten sich, denn die Erlebnisse in Kambodscha hatten bei ihnen teilweise gemischte Gefühle zurückgelassen. Einzig der Mekong, auf dem wir nun weiter Richtung Delta entlangtuckerten, wechselte nicht sein Gesicht. Er blieb derselbe, mal als ein ruhiger, mal als ein schnell dahinfließender Strom, welcher für so viele Menschen an seinen Ufern eine Lebensgrundlage bildet, und der durch ständige Verschmutzung doch so oft mit den Füssen getreten wird.

 

Ein Beispiel dafür sehen wir am nächsten Tag: Wir besuchen bei Tan Chau eine der vielen Fischfarmen, die auf vietnamesischer Seite mitten auf dem Mekonk von „Floating Villages“ aus betrieben werden. Hier wird seit den neunziger Jahren vor allem die Zucht einer Pangasius-Art in Unterwasser-Gehegen zur Perfektion getrieben. Der auch in der Schweiz beliebte Speisefisch aus der Familie der Welse, eigentlich vegetarisch lebend, wird in den engen Käfigen mit einer Mischung aus Soja, Fischmehl und zermahlenen Kleinfischen gemästet und schnell auf sein Schlachtgewicht getrimmt. Wie viele Antibiotika und andere Chemikalien dem Fischfutter beigemengt werden, darüber wollen die Betreiber keine Auskunft geben.

 

Bedenklich ist das nicht nur in Bezug auf den Fischkot, die Chemikalien und die Krankheitserreger, welche ungeklärt einfach in den Fluss geleitet werden, denn das ist schädlich für die Natur am und im Mekong mit ihrer Tierwelt und vor allem für die zumeist sehr armen Menschen, die flussabwärts leben, und deren Haupt-Trinkwasserquelle der Strom ist.

 

Auch die Nutzung von Kleinfischen als Fischfutter ist bedenklich, denn bei den allermeisten davon dürfte es sich um noch nicht geschlechtsreife Jungfische handeln, was dazu führen kann, dass die Bestände bestimmter Fischarten im Südchinesischen Meer zurückgehen könnten – so jedenfalls WWF-Expertin Catherine Zucco in dem ARD-Bericht „Die Pangasius-Lüge“ von August 2011.

 

Unweit der „Fisch-Zone“ bei Tan Chau lädt uns eine Familie im Dorf My Ang Hung in ihr Haus ein – nach einem köstlichen Büffet aus einheimischen Früchten wie der Mangostan, der Sternfrucht, der Drachenfrucht, Pomelos, der Passionsfrucht und der „Königin der Früchte“, der Frucht des Durian-Baumes, von einigen abschätzig nur als „Stink“- Frucht bezeichnet, spielt ein junger Mann eine traditionelle Gitarre, bei der im Unterschied zu der europäischen Variante die Räume zwischen den Stegen ausgehöhlt sind, was den typischen, „gezogenen“ Klang der Saiten ausmacht. Sein Onkel singt dazu anrührend vietnamesische Weisen, die vom Krieg, vor allem aber von der Liebe handeln.

 

Unser stolzes Flussschiff, die MS JAHAN, strebt weiter dem weitverzweigten, im Süden liegenden Mekong-Delta unweit der Millionen-Metropole Ho Chi Minh-Stadt zu, von den Einheimischen inzwischen oft auch wieder Saigon genannt. Wir lassen die Flusslandschaft mit ihren kleinen Fischerdörfern an uns vorbeiziehen, oft treiben kleinere oder größere Büschel von Wasserlilien mit dem bräunlichen Wasser des Leben spendenden Stromes.

 

Schließlich erreichen wir Binh Tanh Island, den letzten Stopp unseres Törns vor Erreichen des Hafens von My Tho, wo wir morgen unser schwimmendes Zuhause der letzten Tage wieder verlassen werden, um noch ein paar Tage das etwa 70 Kilometer entfernte Saigon zu erkunden. Auf der Binh Tanh-Insel besuchen wir mehrere Häuser, in denen Frauen auf traditionelle Art aus Rattan Matten herstellen.

 

Dazu benutzen sie eine Art mechanischen Webstuhl aus Holz – der jeweils von zwei Frauen bedient wird: eine schiebt mit einem dünnen Holzstab einen langen Strohhalm durch die Fäden der Webfläche, die andere schiebt diesen mit einem Brett fest an die anderen Halme. Ein paar Stunden benötigen die Frauen, um eine etwa einen Quadratmeter große Matte herzustellen, wie sie in Europa für wenige Euro zum Beispiel als Strandmatten angeboten werden.

 

Unweit der Webstühle, am Ufer der Insel Binh Tanh, treffen wir einen jungen Mann, der gerade damit beschäftigt ist, für seine Familie ein traditionelles hölzernes Langboot auszubauen. Den etwa acht Meter langen, aus massiven Teakbohlen, -wrangen und -spanten  gefertigten Rumpf hatte er kurz vorher von einem der vielen hier ansässigen Bootsbauer gekauft, erzählt uns der junge Mann – für umgerechnet etwa 100 US-Dollar.

 

Allein das Holz würde in der Schweiz wohl schon mehr als das Zehnfache kosten. Nun ist er dabei, barfuß und ohne jeglichen Arbeitsschutz, mit einem elektrischen Trennschleifer bewaffnet, Sitzbänke, ein Deck und die Motorhalterung zuzuschneiden. Ungefähr zehn Jahre würde solch ein Boot halten, sagt der junge Mann – mindestens. Viele der in dieser traditionellen Art und Weise hergestellten Boote, die zumeist zum Fischen verwendet werden, würden jedoch „wesentlich länger“ halten.

 

Uns erscheint diese natürliche und ganz und gar pragmatische Einstellung zu Booten zumindest gewöhnungsbedürftig: man baut sich ein Boot, um es zum Lebensunterhalt zu nutzen; man „be-nutzt“ es für seine wirtschaftlichen Zwecke, und wenn es kaputt ist und leckt, baut man sich ein neues – so einfach kann das sein. Das Boot als Metapher für das Leben – ein archetypisches Symbol, ein Sinnbild auch für unsere Reise, die uns eine Woche lang bis zum Mekong-Delta geführt hat.

 

Das Boot steht jedoch auch als ein Symbol für den Aufbruch in einer Region, die noch von vielen Traditionen und grosser Armut geprägt ist, in der die Zeichen der neuen Zeit aber unverkennbar Einzug halten, als ein Symbol auch für Transzendenz, das vor allem eines assoziiert: gesellschaftliche Veränderungen, die auch Veränderungen im Leben jedes Einzelnen der am und vom Mekong lebenden Menschen mit sich bringt.    

 

Weitere Informationen über „The lost Civilization“ – Low Water-Cruise der Heritage Line auf der MS JAHAN (8 Tage / 7 Nächte) ab Siem Riep / Kambodscha bis My Tho / Vietnam (etwa 70 Kilometer von Saigon entfernt, vom Zielhafen My Tho gibt es einen Bus-Transfer ins Stadtzentrum von Ho Chi Minh-Stadt) + Buchung im Internet: heritage-line.com. Hinkommen: Flüge von verschiedenen Flughäfen nach Siem Riep. Alternativ Bus von Saigon nach Phnom Penh, von dort spät abends weiter mit einem Nachtbus (Liegeabteile) bis Siem Riep (Ankunft am frühen Morgen). Rückflug ab Saigon zu diversen internationalen Airports. Wer plant, vor und nach der River-Cruise noch einige Tage in Kambodscha und Vietnam zu verweilen, kann sich zwecks Beratung, Planung und Organisation der kompletten Anschluss-Reise an Asien Special Tours wenden, Info + Buchung: asien-special-tours.de. Gegebenenfalls ist ein Visum nötig. (c) 2020

 


DALMATIEN – GENIESSER-TÖRN

 

Warum nicht wieder mal in Kroatien chartern? Die Nachsaison bietet sich dafür an: es ist nicht mehr so heiss, dafür gibt es mehr Wind. Die Sommerferien sind vorbei, und die Preise sind schon etwas moderater. Es gibt tägliche Direktflüge ab der Schweiz nach Split, und, nachdem in diesem Jahr die Türkei wieder besser gebucht wurde, ist es auch in den Charterbasen, den Marinas und in den Ankerbuchten nicht mehr ganz so voll wie in den Vorjahren. So machte sich das Yachting-Team im Spätsommer mit einem modernen, geräumigen Lagoon 450-Katamaran von Dream Yacht Charter ab der Marina Baotic auf den Wasser-Weg, um in sechs Tagen segelnd die Landschaft, die Kultur und einige gastronomische Highlights dieser Region zu erkunden – und um herauszufinden, was sich in den letzten zehn Jahren seit unserem letzten Besuch dort verändert hat. Text / Fotos_Matt. Müncheberg

 

Die spontanen Dinge im Leben sind oft die besten. Und so sagte ich prompt zu, als ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, demnächst eine Woche in Kroatien segeln zu gehen.  Das Boot sollte ein neuer, geräumiger 45 Fuss-Segelkat von Lagoon sein. Ohne Hast sollten ab Trogir die nicht allzu weit entfernt liegenden Inseln Solta, Vis und Hvar abgesegelt werden, und es sollte viel Freizeit geben. Mittags sollte an Bord gekocht werden, und abends sollten die einheimischen Restaurants getestet werden. Das hörte sich verdammt gut an, fand ich, buchte einen Flug nach Split und packte im nu meine kleine Reisetasche.  

 

 

TAG 1: FREITAG – DOBAR DAN TROGIR!

Nur wenige Tage später lande ich auf dem mittlerweile modernisierten und erweiterten Flughafen von Split, dessen einziger Nachteil bislang wohl darin bestehen mag, dass man für hier abgehende Flüge (noch) nicht vorab online einchecken kann. Ein Taxi bringt mich in ein paar Minuten zur 15 Kilometer östlich gelegenen Altstadt von Trogir, wo mir der Fahrer bedeutet, dass ich vom Nordtor aus besser ins Zentrum laufen sollte, denn für sein Taxi seien die kleinen Gassen einfach zu schmal. Ich checke im kleinen, charmanten Altstadt-Hotel Monika ein, wo unsere Crew die erste Nacht verbringt, bevor es am nächsten Tag zum Boot gehen soll.

 

Unsere Crew ist bunt zusammengewürfelt – und besteht neben drei erfahrenen Seglern auch aus drei Charter-Novizen. Skipper Niklas von Dream Yacht Charter Scandinavia stellt uns den Törnplan beim Dinner im (von aussen gut versteckten) Garten des Spezialitäten-Restaurants Calebotta im Herzen Trogirs vor – und bei ausgezeichneten dalmatinischen Weinen klingt der erste Abend im sommerlich warmen Kroatien aus. Vive la spontanéité! 

 

 

TAG 2: SONNABEND – MARTINIS MARCHI IN MASLINICA

Tag zwei beginnt früh am Morgen mit einer Führung durch die hübsche, verwinkelte und zum Glück um diese Zeit noch menschenleere UNESCO-Welterbe-Stadt Trogir, die bereits im dritten Jahrhundert v. Chr. als griechische Siedlung Tragurion bekannt war. Seit dem 11. Jahrhundert (bis 1828) Bischofssitz, wurde die Stadt 1123 von Sarazenen erobert – und zerstört. Bereits im 12. und 13. Jahrhundert erlebte Trogir jedoch schon wieder einen starken wirtschaftlichen Aufschwung – der dauerte an bis 1420, als die lange Zeit der venezianischen Herrschaft anbrach.

 

Nach dem Fall Venedigs im Jahr 1797 war Trogir fast durchgehend bis 1918 österreichisch und fiel danach an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Später wurde es Teil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, und seit 1991 gehört Trogir zum unabhängigen Staat Kroatien. Die Altstadt von Trogir gelte als „herausragendes Beispiel für städtebauliche Kontinuität“, sagt unser Stadtführer; die romanische Stadt stelle den „am besten erhaltenen romanisch-gotischen Komplex nicht nur an der Adria, sondern in ganz Osteuropa“ dar.

 

Wir besichtigen die St.-Laurentius-Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert, nördliches Stadttor und Stadtmauer, die Festung Kamerlengo, einen alten 700 Jahre alten Fürstenpalast, den Palast Cipiko (500 Jahre alt) sowie einen hübschen, genauso alten Uhrturm aus dem 15. Jahrhundert.

 

Dann packen wir unsere Siebensachen und machen uns mit einem Taxiboot auf den kurzen Wasserweg in die westlich gelegene Marina Baotic, wo unsere Lagoon 450F, frisch gereinigt und aufgetankt, bereits auf uns wartet. Nach einem kurzen Dinner in der Marina (wunderbar: Schwarzes Meeresfrüchte-Risotto!) werden Getränke und Verpflegung gebunkert, es gibt einen Boots-Check sowie eine Sicherheits-Einweisung, und schon verlassen wir die um diese Zeit quirlige Marina – es ist Sonnabend, das bedeutet: Crewwechsel bei den meisten hier ansässigen Charterunternehmen.  

 

Unser Ziel für diesen ersten Segel-Tag heisst Maslinica, einziger Ort mit einem Hafen an der Westküste der schönen Insel Šolta. Nach einem obligatorischen Badestopp vor Anker passieren wir den  Archipel mit den sieben Inseln Polebrnjak, Saskinja, Stipanska, Kamik, Balkun, Rudula und Grmej, tuckern langsam in die Marina und bereiten uns auf unser erstes Anlegemanöver vor: Fender raus, zwei davon befestigen wir achtern an den Badeplattformen, und zwei Festmacherleinen achtern liegen auch schon bereit.

 

Ein freundlicher Marina-Mitarbeiter weist uns beim Rückwärts-Fahren ein (einziger Nachteil der ansonsten wunderbaren Lagoon 450F ist, dass man vom Steuerstand aus nicht ohne weiteres das Heck des Bootes einsehen kann), nimmt die Leinen entgegen und überreicht uns die Mooring-Leinen. Festmachen, Gangway installieren, Landstrom anschließen. Maschinen aus. Anlege-Schluck. Willkommen in Maslinica!

 

Es gibt Stimmen, die behaupten, Maslinica sei wegen ihres Archipels eine der schönsten Adria-Ortschaften überhaupt. Wir schlendern durch den kleinen Ort, schlürfen Espresso gegenüber der Marina auf der anderen Hafen-Seite und nehmen ein erfrischendes Bad an der Südwestspitze der Insel. Es ist heiß – sehr heiß, und die Einheimischen verbringen viel Zeit im Wasser, mal schwimmend, mal stehend, plaudernd, aber immer mit einem Hut auf dem Kopf.

 

Die Siedlung selbst sei um das im Jahr 1708 fertiggestellte Schloss der Adelsfamilie Marchi entstanden, erklärt uns eine Angestellte des exklusiven Martinis Marchi-Anwesens bei einer kleinen Führung durch das Schloss, vor dem unsere Lagoon leise an ihren Festmacherleinen zuckelt.

 

Wegen der häufigen Piratenangriffe hätten die gräflichen Marchi-Brüder Ivan-Peter, Jurai und Ivan vom venezianischen Statthalter zwecks Verteidigung der gesamten Siedlung die Erlaubnis zum Bau eines burgartigen Schlosses samt eines Turmes verlangt, erzählt die junge Frau. Und, dass man den heutzutage für 750 Euro pro Nacht auch als Appartement mieten könne (die anderen Suiten gäbe es etwas preiswerter, sagt sie), denn das 300 Jahre alte Schloss wurde in den vergangenen Jahren aufwendig saniert und zu einer eleganten Luxusherberge mit eigenem Heli-Pad umgebaut.

 

Eine Marina, in welcher auch die große, weiße Motoryacht des Eigners schwoit, und ein nobles Restaurant – allesamt versehen mit dem Familien-Wappen, einem gekrönten, feuerspeienden Drachen mit Schwert – gehören heute ebenfalls zu Martinis Marchi. Wir lassen den Abend im noblen Schloss-Hotel-Restaurant mit Blick auf den Yachthafen und unsere Lagoon ausklingen und speisen wie einst die Grafen von Maslinica bei traditionellen Gerichten nach originalen Rezepten aus der Marchi-Zeit und einem herrlichen französischen Chateau Les Crostes, den der Eigner selbst anbaut. Zdravica – zum Wohl!

 

 

TAG 3: SONNTAG – MIT DEM LANDROVER VIS ENTDECKEN

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von dem pittoresken Fischerörtchen Maslinica und nehmen Kurs auf die hügelige Insel Vis, die etwa 60 km vom dalmatinischen Festland entfernt liegt. Die 90 Quadratkilometer grosse Insel sei bekannt für ihre traumhaften Strände und Buchten sowie für den Oliven- und Weinanbau, sagt Filip Melki, der uns am Hafen mit einem 60 Jahre alten, klapprigen, aber blitzblank geputzen Landrover empfängt.

 

Für die nächsten Stunden wird er uns kreuz und quer über die Insel fahren – dabei würden wir auch „echtes Offroad-Feeling“ erleben, verspricht Filip, der gern ab und zu als Guide für seinen Cousin arbeitet, dem das kleine Unternehmen „Vis Special Landrover Tours“ gehört.  Seit dem 4. Jahrhundert vor Christus bis zum Zerfall der ehemaligen sozialistischen Republik Jugoslawien im Jahre 1992 hätten verschiedene Herrschaftshäuser Europas die Insel Vis kontrolliert, sagt Filip. Die strategisch günstige Lage der Insel hätten schon Griechen, Römer, Venezianer, Franzosen, Engländer, Österreicher, Italiener und Deutsche zu schätzen gewusst.

 

Zu Zeiten Jugoslawiens habe die Insel Vis als "verbotene Insel" gegolten, denn Ausländern war der Zutritt strengstens untersagt. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Entstehung der Republik Kroatien ist die Insel auch für ausländische Besucher zugänglich. Wir besichtigen eine ehemalige U-Boot-Basis, die auf einer Länge von 110 Metern zwanzig Meter hoch in den Stein eines Felsens gehauen wurde – nur eine von insgesamt drei Submarine-Basen, die es damals in Jugoslawien gegeben hat.

 

Früher hätten hier zwei U-Boote der 80 Meter-Klasse Platz gefunden, sagt Filip, das sei zu Titos Zeiten gewesen, dem viele seiner Landsleute nachtrauern würden, denn damals sei „vieles besser“ gewesen als heute, sagt der junge Mann, der sich seinen Lebensunterhalt durch verschiedene Jobs verdient.

 

Vor der Einfahrt in die Höhle ankert eine Charter-Segelyacht. Das sei eigentlich verboten, sagt Filip, aber niemand kontrolliere das. Überhaupt sei das auf den Kroatischen Inseln so eine Sache mit Recht und Gesetz – es gebe viel Korruption dort, sagt der junge Mann, der eigentlich aus Split kommt und in Vis seine große Liebe gefunden und geheiratet hat. Einige junge Leute sind von der historischen Bedeutung des ehemaligen Marine-Stützpunktes unbeeindruckt – und machen sich einen Spass daraus, als Mutprobe von dem seitlichen, 18 Meter hohen Beton-Tor ins kristallblau schimmernde Nass zu springen.

 

Wir durchstreifen ehemals militärisch genutzte Höhlen, die damals mühevoll in den Stein der Berge getrieben worden waren und rattern mit dem unklimatisierten Landy zunächst auf direktem Weg Richtung Westen, nach Komiza, dem zweiten grösseren Ort auf der Insel, wobei das in die Jahre gekommene Auto jeden Schaltvorgang mit einem beängstigenden Krachen und Ruckeln quittiert, was wiederum unsere Bandscheiben auf eine harte Probe stellt.

 

Irgendwie schaffen wir es jedoch, nach einer knappen Stunde mit dem betagten Auto in dem ehemaligen Fischerörtchen anzukommen. Einen kurzer Bummel an der Hafenkante und einen Eiskaffee in einem der zahlreichen Restaurants am Wasser später sitzen wir wieder auf – es wird schon wieder Zeit für die Rückfahrt. Ich beschließe, im nächsten Jahr noch einmal hierher zurückzukehren, um dann mit einem der traditionellen, nur hier in Komiza gebauten, wunderschönen Falkusa-Holzboote zu segeln, denn dazu fehlt uns heute leider  schlichtweg die Zeit.

 

Der alte Landy müht sich ächzend und quietschend eine zunächst nach Süden führende Bergstraße empor, und oben angelangt, passieren wir eine Bucht mit einem atemberaubenden Blick auf Komiza – in der es jedoch fürchterlich stinkt. Kein Wunder, denn einer der Hänge werde jahrelang als riesige wilde Müllkippe für alle Arten von Abfall genutzt, sagt Filip ärgerlich. Die Behörden wüssten Bescheid, aber niemand tue etwas, um diesem Umweltskandal endlich Einhalt zu gebieten.

 

Weiter unten in der Bucht schwoit eine exklusive, weiß glänzende Motoryacht um ihren Anker – ob die Crew weiß, dass nur wenige Meter oberhalb ihres idyllisch scheinenden Liegeplatzes giftige Abfälle lagern, deren flüssige Anteile mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ins kristallklare Wasser weiter unten in der Bucht diffundieren?

 

Wir verlassen den geruchsintensiven Ort, dabei unzählige Krähen und Möwen von den Müllbergen aufscheuchend, und passieren auf dem weiteren Weg Richtung Osten zurück nach Vis ausgedehnte Weinanbau-Gebiete rund um das Örtchen Podspilje sowie militärische Sperrgebiete, die es noch immer auf der Insel gibt. Wir machen einen kurzen Halt beim Aerodrom, einem ehemaligen Gebäude eines Flugzeug-Strips am Straßenrand, welches Insidern heute als exzellente Wein-Tasting-Location gilt. Auf Wunsch werde hier auch  traditionelle dalmatinische Küche serviert, lesen wir handgeschrieben auf einer Kreidetafel.

 

Eigentlich gehört das Aerodrom jedoch zur weiter westlich in Podhumlje befindlichen Konoba Pesa, in welcher – im ältesten Haus des Ortes – selbstgezüchtete und -zubereitete Spezialitäten angeboten und dazu die eigenen exzellenten Weine Vugava und Mali plavac gereicht werden – auch diesen Besuch nehme ich mir für meinen nächsten Trip nach Vis fest vor, denn heute hat unser Skip Niklas für uns schon einen Tisch bei Ibiza in dessen angesagter Szene-Konoba & Bar Lola in der Matije Gupca 12 in der Altstadt von Vis reserviert.

 

Ibiza, gekleidet wie ein Hamburger Hipster mit schräg aufgesetzter Cap und einem schwarzen Vollbart, serviert Tuna Tartar, Muscheln, Tintenfisch sowie Fisch, der mit Süßkartoffeln, Zuccini und schwarzem Sesam angerichtet ist, Ravioli mit Baba Ghanoush – einem Püree der arabischen Küche, das aus Auberginen und Sesampaste besteht – und last not least einen leckeren Carrot Cake, der mit Käse und Orange zubereitet wurde; dazu gibt es frische, wohlschmeckende Weine aus der Region.

 

Für den nächsten Tag sagt der Wetterbericht stärkeren Wind aus Nord voraus sowie Regen. Bereits am Nachmittag konnten wir am sich ändernden Wolkenbild erkennen, dass ein Wetterwechsel bevorsteht. Wird es morgen eine ausgewachsene Bora geben? Oder bekommen wir nur die Ausläufer davon zu spüren?

 

 

TAG 4: MONTAG – TREPPENSTEIGEN IN HVAR

Wir verlassen Vis nach dem Frühstück in Richtung der nordöstlich gelegenen Pacleni Inseln, welche Hvar im Südwesten vorgelagert sind. Nach schönstem Segelwetter erreichen wir die Otok Marinkovac und lassen in der geschützten Bucht schräg gegenüber dem (sehr teuren) Restaurant Antonio Patak den Anker fallen – Lunchtime!

 

Niklas hatte noch am Morgen im Hafen von Vis in der Pescarija Kalambera vier Kilogramm frische Muscheln gekauft, die serviert er nun, zubereitet in einer delikaten Weißwein-Soße und mit viel Knoblauch zum Mittagessen im Achtercockpit unseres Kats. Dazu gibt es Brot und dalmatinischen Wein – lecker! Wir rechnen nach: das gesamte Mahl kostete uns für sieben Personen insgesamt rund 50 Euro, inklusive des Weines – bei Antonio gegenüber in der Bucht hätten wir mindestens denselben Preis gezahlt – jedoch pro Person.

 

Das Wetter hatte sich inzwischen eingetrübt, und als wir an der Hafenkante von Hvar festmachen, beginnt es zu regnen. Die Temperatur ist augenblicklich um ein paar Grad gefallen, und der Wind hat an Kraft etwas zugelegt. Vor der gefürchteten Bora, die hier auch Bura genannt wird (ein am Mittelmeer auftretender Fallwind, der vor allem im nördlichen Teil der Adria auftritt, aber auch entlang der Küste zwischen Rijeka und Split spürbar ist) bleiben wir jedoch zum Glück verschont.

 

Direkt neben uns liegt die 43 Meter lange MY BINA, eine 2006 bei Mondo Marine gebaute und 2015 komplett refittete Superyacht (Ex KIMBERLY II), die man in der Hochsaison für schlappe 175.000 Euro pro Woche auch chartern kann – und dabei kam uns unsere über Alles 14 Metern lange und 7,87 Meter breite Flybridge-Lagoon 450 F (Konstrukteure VPLP; Außendesign Nauta, Innendesign Patrick le Quément) mit ihren vier Doppel- und zwei Crew-Einfachkabinen und dem üppig dimensionierten Salon schon ziemlich groß vor!

 

Von der Ostseite des Hafens an der Promenade Obala Riva mit ihren Cafés und Restaurants sind es nur ein paar Schritte bis zum Hvarer Platz. Wir nutzen die etwas kühleren Temperaturen und erkunden ab dem Haupttor der Stadt (Porta di Datallo; Feigentor) die Treppen hinaufsteigend den alten und wunderschönen Teil von Hvar, in dem sich Paläste sowie Wohn- und Geschäftshäuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert befinden. Oben angekommen, geht es weiter über kleine, von mediterranen Sträuchern umgebene Serpentinen bis hin zur Hvarer Festung Fortica oder, wie die Einheimischen sie nur nennen, die Španjola.

 

Errichtet wurde die über der Stadt thronende Festung zu Beginn des 16. Jahrhunderts während der Herrschaft Venedigs. Ob der Aufstieg lohnt, muss jeder für sich entscheiden – wir haben es jedenfalls aus sportlicher Sicht sehr genossen, uns nach ein paar Bord-Tagen endlich einmal ein wenig bewegen zu können. Und schließlich ist die Architektur nicht uninteressant, und die Panorama-Aussicht auf die Stadt Hvar, ihre Umgebung und die Pacleni-Inseln ist großartig.

 

Beim Abstieg, den unzähligen, nun nach unten führenden Treppenstufen folgend, erreichen wir das in einer Seitengasse versteckte Restaurant Luna, in dem wir, in der oberen Etage, quasi unter freiem Himmel sitzend, zwischen einem Fleisch- und einem Fischmenü mit drei Gängen wählen können. Für meinen nächsten Besuch in Hvar nehme ich mir vor, stattdessen die etwas weiter oberhalb an der steinernen Treppe gelegene Konoba Menego zu besuchen, deren Karte sich großartig liest und die – zumindest von außen – einen äußerst gemütlichen Eindruck macht.

 

Wir lassen den Abend in der Pjaca-Bar gleich vorn auf dem Hvarer Platz bei Pina Coladas mit einem ordentlichen Schuss Zacapa ausklingen, vor der Bar spielt ein Musiker traurige Weisen – und erinnert uns so daran, dass unser schöner Törn schon bald seinem Ende zugeht.

 

Wir brechen noch vor dem nun von Norden her aufziehenden  Gewitter auf; über der Festung illuminieren sekundenlang taghelle Blitze den ansonsten schwarzen Nachthimmel. Rechtzeitig vor dem großen Regen liegen wir in unseren Kojen, nachdem wir das Boot mit extra Leinen und Fendern gesichert und alles gut verzurrt und weggestaut haben. Luken dicht – und gute Nacht!  

 

 

TAG 5: DIENSTAG – ZURÜCK ZUM AUSGANGSHAFEN MARINA BAOTIC

Eigentlich hatten wir geplant, wegen des schlechten Wetters auszuschlafen, und erst nach dem Bord-Lunch den Hafen von Hvar zu verlassen. Unser Luxus-Nachbarboot, die MY BINA, möchte jedoch bereits gegen 9 Uhr den Liegeplatz verlassen. Für uns bedeutet das: Maschinen an, Schub nach vorn, Mooring-Leinen lösen, und, wenn die BINA ausgefahren ist, ein Stück nach links an der Hafenkante „aufrutschen“ (also ein komplettes Ab- und Anlegemanöver).

 

Wir beschließen spontan, als die Leinen und die Moorings gelöst sowie die Gangway und das Landstromkabel an Bord sind, ebenfalls loszufahren. Statt nun direkt nach Trogir zu segeln, können wir so noch einen letzten Ankerstopp in der Bucht von Uvala Tatinja machen. Trotzdem die Temperaturen etwas gefallen sind und sich seit Stunden die Sonne hinter dicken Wolken verkrochen hat, springen wir vor dem Lunch noch einmal ins angenehm   warme Wasser (immerhin hat es aufgehört zu regnen).

 

Bei dem letzten Törn-Stück Richtung Trogir frischt es ordentlich auf, und wir müssen einige Außen-Polster des Bootes sichern, damit diese nicht über Bord gehen. Die Gischt spritzt teilweise von den Bugspitzen des Kats bis zum Steuerstand auf der Fly hoch, aus Wellchen  sind längst richtige Wellen geworden. Wir erreichen jedoch unbeschadet die Bucht von Trogir – hier sind wir vor dem frischen nordöstlichen Wind besser geschützt.

 

Bevor wir in der Marina Baotic festmachen, gehen wir an der Marina-eigenen Tankstelle längsseits. Ein Taxiboot bringt uns kurze Zeit später nach Trogir. Hier schlendern wir noch einmal vom Kastell zur Altstadt und lassen den Tag noch einmal im gemütlichen Garten des Restaurants Calebotta ausklingen. Morgen klingelt für mich bereits gegen vier Uhr der Wecker – Abflug Richtung Heimat vom nahen Flughafen Split kurz nach Sechs.  

 

Mein Fazit: Bei meinem spätsommerlichen Kroatien-Törn wollte ich herausfinden, was sich in den Jahren meiner Abwesenheit dort verändert hat. Mein Resümee fällt durchaus positiv aus: es hat sich tatsächlich nicht viel verändert. Die Marina Baotic wurde zwar modernisiert und erweitert, in Maslinica auf Solta wurde die alte Festung inzwischen zu einer Nobel-Herberge mit Marina und Restaurant ausgebaut. Doch ansonsten: alles beim alten, soll heißen: Kroatien ist nach wie vor eine Charter-Segelreise wert. Die Basis ist gut zu erreichen, die täglichen Segel-Distanzen können frei gewählt werden, das Wetter ist bis in den Spätsommer hinein überwiegend sonnig, warm und sturmfrei, und der Service ist besser denn je.

 

Von Korruption, Abzockerei und stark überhöhten Preisen, von denen wir in den letzten Jahren gehört hatten, blieben wir verschont, die Menschen, denen wir begegneten, waren überwiegend freundlich. Und schließlich kann es ja durchaus auch sein Gutes haben, wenn sich nicht ständig alles verändert, noch chicker, noch grösser, noch moderner – und noch teurer wird. Wer auf bewährten Charterurlaub mit viel Segeln, Sonne, Geschichte und Kultur, delikatem Essen und guten dalmatinischen Weinen steht, ist hier nach wie vor – oder wieder – goldrichtig.

 

Und ja – auch Spontaenität hat sich – wieder einmal ausgezahlt. Wohl kaum ein Reiseland eignet sich so perfekt dazu, auch einmal kurzfristig zu chartern und die Segel zu setzen (übrigens: es gibt bei den Charteranbietern auch immer mehr Power-Kats im Angebot). Uns hat es sogar so gut gefallen, dass wir im nächsten Jahr wiederkehren werden – um dann weiter Richtung Nordwesten zu segeln. 

 

Hinkommen: Flüge mehrmals täglich nach Split, von dort mit dem Taxi in ein paar Minuten nach Trogir oder direkt zur nahen Charterbasis Baotic. Wir charterten einen 45 Fuss langen, neuen Lagoon-Kat mit 4 Doppelkabinen bei Dream Yacht Charter. Viele weitere Charteranbieter haben rund um Trogir ihre Basen, die Auswahl an Yachten ist gross. Infos zu Kroatien und Dalmatien: croatia.hr. Info zu Martinis Marchi auf Maslinica: martinis-marchi.com.  (c) 2019



TIPP: NAUTILUS-HAUSBOOTCHARTER

 

Die LIFE@SEA-Crew erkundete mit dem schicken und praktischen Design-Hausboot ELMO III von Nautilus-Hausbootcharter ab Fürstenberg / Deutschland die schönsten Gewässer des deutschen Urlaubsgebietes „Neustrelitzer Kleinseen-Land“ – zum Nachfahren ausdrücklich empfohlen. Text_Matt. Müncheberg, Fotos_Matt. Müncheberg, Tourist-Info

 

Fürstenberg, etwa eine Zug- oder eineinhalb Autostunden nördlich der deutschen Bundeshauptstadt gelegen, ist immer eine (Boots-) Reise wert, denn von der idyllisch gelegenen mittelalterlichen Stadt, die überwiegend zum Naturraum des Neustrelitzer Kleinseenlandes gehört, gibt es in allen Richtungen etwas zu entdecken. Vor allem ist es die teils unberührte Natur, aber auch viele Sehenswürdigkeiten, kulturelle und gastronomische Highlights locken viele Wassersport- und Natur-Fans in die Region.  

 

Fürstenberg selbst wird von Westen nach Südosten von der Havel durchflossen. Hier gibt es zum Greifen nah etwa den  Stolpsee, mit 3,7 Quadratkilometern größter See der Region, am Rand der Himmelpforter Heide. Das Stadtzentrum wird von Baalensee, Röblinsee und Schwedtsee umschlossen. Auch wer seinen Bug Richtung Westen auf die Müritz-Havel-Wasserstraße lenkt, wird mit großartiger Natur und einem besonderen Ziel belohnt: der Müritz, dem „Kleinen Meer“ Mecklenburgs.

 

Um dieses einmalige Revier einmal näher kennen zu lernen, chartern wir kurzerhand bei Nautilus-Hausbootcharter in Fürstenberg eines der gemütlichen und praktischen Design-Hausboote – und machen uns entspannt auf den Wasser-Weg durch den Teil Deutschlands, der für seine verträumten Landschaften  und seinen Reichtum an Flüssen und Seen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, und von dem bekannten Dichter Theodor Fontane so anschaulich beschrieben wurde.  

 

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. Das hab ich an mir selber erfahren, und die ersten Anregungen zu diesen „Wanderungen durch die Mark“ sind mir auf Streifereien in der Fremde gekommen. Die Anregungen wurden Wunsch, der Wunsch wurde Entschluss“, schreibt Theodor Fontane im Vorwort zur ersten Auflage des ersten Teils „Die Grafschaft Ruppin“ seiner bekannten Wanderungen durch die Mark Brandenburg. So wollen auch wir es halten, indem wir uns in Fürstenberg eines der als Sportboote zugelassenen, schicken, praktischen und überaus gemütlichen Hausboote mieten, um den wasserreichen Nordosten Deutschlands zu erkunden.

 

Doch wer einen Hausboot-Törn ab Fürstenberg plant, sollte bereits vorher zumindest ungefähr wissen, wohin es gehen soll: Richtung Südosten in die Templiner Gewässer? Hier setzt die (zu) flache Brücke in Himmelpfort unserem doch recht hohen Nautilus-Hausboot leider eine Wasser-Grenze. Dann doch lieber Richtung (Nord-) Westen zu den Seen der Müritz-Havel-Wasserstraße? Dazu erscheint uns eine Charter-Woche zu kurz, denn wir wollen nicht  hasten, wollen die Strecken vielmehr „bummelnd“ genießen.

 

Unser persönliches Ziel für die kommenden sieben Boots-Tage lautet daher „Schloss Rheinsberg“ südwestlich von Fürstenberg – einmal Hin und zurück, dabei  wollen wir auf den Spuren Fontanes wandeln und einmal so richtig die Seele baumeln lassen – oder „entschleunigen“, wie es neuerdings so schön heißt.

 

Nach einer gründlichen Einweisung durch das Personal der Charterbasis (für dieses Revier ist in Deutschland ein Sportbootführerschein Binnen/Motor vorgeschrieben) übernehmen wir unser schickes, aufgetanktes Hausboot – und lassen es erst einmal im Hafen stehen. Zu Fuss erkunden wir zunächst die hübsche Altstadt Fürstenbergs mit seinem barocken Schloss. Das wurde zwischen 1741 und 1752 nach Plänen des Baumeisters Christoph Julius Löwe als Witwensitz für eine mecklenburgische Herzogin erbaut und befindet sich auf einer Insel gleich nördlich des Altstadtkerns.

 

Bereits bei der Anfahrt mit unserem Pkw hatten wir, von der L214 aus Richtung Berlin kommend, einen kurzen Abstecher zur Ruine des Klosters Himmelpfort mit der gut erhaltenen alten Dorfkirche und der Ruine des Brauhauses gemacht; bekannt ist Himmelpfort vielen Deutschen vor allem als das sogenannte „Weihnachts-Postamt“ im Haus des Gastes.

 

In Fürstenberg schauen wir uns noch die Evangelische Stadtkirche am Marktplatz an, die 1845 vom Mecklenburg-Strelitzer Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel im neogotischen Stil erbaut worden war, sowie die  Wasserburg, das älteste Bauwerk der Stadt. Von den alten Gebäuden der Burg sind jedoch leider nur noch der (nur von außen zu besichtigende) Ost-, der Süd- und in Teilen der Westflügel erhalten.

 

Am nächsten Morgen starten wir dann nach einem reichhaltigen Frühstück unseren flüsterleisen Außenborder, der sich am Heck befindet und zuverlässig seinen Dienst versieht. Gesteuert wird komfortabel vom Salon vorne rechts aus – von hier aus hat man in alle Richtungen einen guten Blick nach draußen; sogar nach achtern kann man – bei geöffneter Salontür – komfortabel nach achtern blicken; zusätzlich hilft die Rückfahr-Kamera, die direkt über dem Steuerstand vorn angebracht ist.

 

Wir richten unseren Bug zunächst Richtung Westen und tauchen bereits kurze Zeit später in eine völlig andere, ruhige und naturnahe Welt ein – vor uns der kleine Röblinsee, in dessen Mitte wir uns wegen eines Flachs gut backbord halten, hinter uns die Altstadt-Silhouette, die langsam achtern auswandert.

 

Nach etwa drei Kilometern passieren wir ohne Probleme unsere erste Schleuse mit dem Namen Steinhavel (hier muss zu den Stoßzeiten mit Wartezeiten gerechnet werden), und nach weiteren vier Kilometern (immer schön steuerbord halten, sonst landet man unvermittelt im Menow-See) fahren wir in den Ziernsee ein. Die städtische Architektur Fürstenbergs ist längst einer Natur-Idylle gewichen, die seinesgleichen sucht. Dichter Waldbestand säumt nun die Ufer, in dessen Geäst und Schilf die Reiher unbeweglich auf Beute warten.

 

Wir drehen nach backbord, und bei Großmenow gleich wieder nach steuerbord, und wir gleiten leise tuckernd in den sich nun in einem großen Bogen nach Westen windenden Ellbogensee mit der Marina Naturferiendorf Strasen, bevor wir nach insgesamt etwa 15 Kilometern die ebenfalls völlig unproblematisch zu befahrene Schleuse Strasen erreichen.

 

Kurze Zeit später biegen wir in den Großen Pälitzsee ein, der ab hier zur Müritz-Havel-Wasserstraße gehört. Eigentlich müssten wir nun unseren Kurs gleich wieder Richtung Westen richten, um auf direktem Weg zum Schloss Rheinsberg zu gelangen. Wir entscheiden uns jedoch dafür, den Großen Pälitzsee noch ein Stückchen weiter in Richtung Süden zu befahren, um uns in einer baumbestandenen, haffartigen Bucht bei Pelzkuhl direkt an der Schilfkante einen schönen, ruhigen (und bei Ostwind gut geschützten) Ankerplatz für die Nacht zu suchen.

 

Nach einem ausgiebigen Bad im sauberen, angenehm erfrischenden Wasser des Pälitzer Sees durchzieht bald leckerer Abendessen-Geruch das Schiff, und zum Sonnenuntergang gibt es einen gut gekühlten Rosé als Sundowner – stilvoll in der Sonnenliege auf dem Dach unseres Nautilus-Hausbootes, das den interessanten Namen ELMO III trägt.

 

Ein paar späte Paddler queren den See, ihren Heimathafen anlaufend, und ein weiteres Hausboot gesellt sich – jedoch weit genug entfernt, um nicht zu stören – zu uns in die weite, idyllische Bucht. Dann zieht die schwarze Nacht herauf – keinerlei Lichtsmog behindert hier das Strahlen der Sterne am Firmament. Aus dem Schilf nebenan gluckst es geheimnisvoll, und vom nahen Wald ruft ein Käuzchen – sonst: phantastische, ungewohnte Stille. Selbst der Wind scheint schlafen gegangen zu sein; das Wasser liegt glatt und geheimnisvoll schimmernd ausgebreitet wie ein großer Spiegel.

 

Am nächsten Morgen folgen wir der Müritz-Havel-Wasserstraße erst in westlicher, dann in südwestlicher Richtung bis zur Kolonie Großzerlang und fahren nur kurze Zeit später nach etwa drei Kilometern in den Wolfsbrucher Schleusenkanal ein. Hier erwartet uns eine Besonderheit auf unserem Törn: eine Selbstbedienungs-Schleuse.

 

Eigentlich ist die Bedienung ganz einfach: Man wartet, bis der Gegenverkehr aus der Schleusenkammer ausfährt, und legt dann den grünen Bedien-Hebel vor der Schleuse (direkt an der Wartestelle, vorn) um, bis ein akustisches Signal ertönt. Dann kann man sicher sein, dass sich die Schleuse auch für unsere Richtung öffnet.

 

Die Crew auf dem Boot vor uns „vergisst“ jedoch, trotz Nachfrage diesen Hebel umzulegen – so müssen wir zwei volle Schleusungen abwarten, bis wir endlich an der Reihe sind. Doch damit noch nicht genug: Sind alle Boote in die Schleuse eingefahren, muss innen erneut ein weiterer grüner Hebel umgelegt werden. Auch ganz einfach – eigentlich. Die ungeübte Crew vor uns betätigt jedoch den Hebel bereits, als erst zwei Boote eingefahren waren (dabei hätten mindestens zwei weitere der Wartenden noch bequem Platz gefunden).

 

Als wir darauf hinwiesen, legten die vor uns in der Schleuse wartenden daraufhin den roten Hebel um – um das Schließen der Tore zu verhindern. Das ist jedoch grundfalsch, denn nun muss die Zentrale in Zehdenick davon ausgehen, dass ein Notfall vorliegt (nur dann darf der rote Hebel umgelegt werden) – und unterbricht die gesamte Schleusung erst einmal. Nach einem Anruf in der Zentrale wird die Schleuse wieder freigeschaltet, und ein paar Minuten später können wir endlich die Schleuse Wolfsbruch verlassen und weiter Richtung Südwesten tuckern.

 

Der nur etwa drei Kilometer lange Kanal mündet in den (genaugenommen sehr kleinen) Großen Prebelowsee. Von hier aus fahren wir weiter Richtung Südwesten, den Tietzowsee sowie den Jagowkanal entlang bis nach Zechlinerhütte mit dem Schlabornsee. Nachdem wir diesen verlassen haben und uns bereits wieder auf dem Kanal befinden, passieren wir eine nach steuerbord abbiegende, nicht einsehbare und sehr schmale Brückendurchfahrt. Wir reduzieren vor der Durchfahrt das Tempo und geben zur Sicherheit ein Hupsignal – und tatsächlich, zwei entgegenkommende, etwas kleinere Boote haben auf der anderen Seite unser Signal vernommen und rechtzeitig aufgestoppt.

 

Wir passieren die Wartendenden freundlich grüssend, und nach weiteren zwei Kanal-Kilometern fahren wir schließlich bei Schlaborn in den Rheinsberger See ein. Geschafft? Noch nicht ganz! Denn am Ufer dieses Sees befindet sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, das Rheinsberger Schloss, wohl aber das Hafendorf Rheinsberg mit seinem rot-weißen Leuchtturm, wo wir eigentlich die Nacht verbringen wollten.

 

Da es jedoch noch relativ früh am Tag ist, entscheiden wir, noch ein Stückchen weiterzufahren. So erreichen wir etwa nach einer weiteren halben Stunde Fahrzeit den Grienericksee, von dessen südlichem Teil (am Ost-Ufer) nun in Ocker- und Weißtönen das  Schloss Rheinsberg grüsst – wir haben unser Törnziel erreicht. Nach einer Ehrenrunde direkt vor dem hübschen Schloss machen wir die Leinen von ELMO III in der nahen Marina  Rheinsberg ganz in der Nähe des Schlosses fest – eine stilisierte „Gelbe Welle“ über dem Marina-Schild verkündet, dass Gastlieger hier gern gesehen sind. Mittagszeit.

 

Wir melden uns beim freundlichen Hafenmeister an, entrichten unseren Gastlieger-Obolus und erhalten neben dem Duschen-Schlüssel gegen Kaution auch ein Verlängerungskabel, mit dem wir uns an eine der an Land stehenden Elektro-Säulen anschließen können. So können wir für ein geringes Entgelt unbegrenzt Strom tanken, während die E-Säulen direkt auf den Stegen teurer sind und mit Münzen funktionieren.    

 

Dann machen wir uns – nach einem Einkaufsbummel in einem der preiswerten Supermärkte des kleinen Ortes – auf zu einer Besichtigung von Rheinsberg. Die Geschichte des Ortes, der das Prädikat Staatlich anerkannter Erholungsort trägt, hängt – natürlich – vor allem mit dem Schloss Rheinsberg zusammen. Bekannt wurde Rheinsberg durch das Buch „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“ von Kurt Tucholsky – und natürlich durch die Erwähnung in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von Theodor Fontane.

 

Der schrieb schon in seinem Vorwort zu Teil 1 seiner Wanderungen: „Hinter dem Säulengange glitzerten die gelben Schloßwände in aller Helle des Tags, kein romantischer Farbenton mischte sich ein, aber Schloss und Turm, wohin das Auge fiel, alles trug den breiten historischen Stempel. Von der andern Seite des Sees her grüsste der Obelisk, der die Geschichte des Siebenjährigen Krieges im Lapidarstil trägt.

 

So war das Bild des Rheinsberger Schlosses, das, wie eine Fata Morgana, über den Leven-See hinzog, und ehe noch unser Boot auf den Sand des Ufers lief, trat die Frage an mich heran: So schön dies Bild war, das der Leven-See mit seiner Insel und seinem Douglas-Schloss vor dir entrollte, war jener Tag minder schön, als du im Flachboot über den Rheinsberger See fuhrst, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her? Und ich antwortete: nein“.

 

Schloss Rheinsberg, nur etwa 100 Kilometer nordwestlich von Berlin entfernt und im Landkreis Ostprignitz-Ruppin gelegen, gilt als Musterbeispiel des sogenannten Friderizianischen Rokokos und diente sogar als Vorbild für Schloss Sanssouci in Potsdam. Wir erfahren, dass sich dort, wo sich heute das Schloss Rheinsberg befindet, im Mittelalter eine Wasserburg gestanden hat. Die Familie von Bredow hatte Rheinsberg im Jahre 1464 von den von Platen „erheiratet“. 1524 kam Rheinsberg mit der Herrschaft Ruppin an die Mark Brandenburg.

 

1566 liessen die von Bredows ein Wasserschloss in Renaissanceform an der Stelle des alten Gebäudes errichten, das im Dreißigjährigen Krieg jedoch stark beschädigt wurde. 1618 gehörte es Kuno von Lochow, und nach dem Aussterben dieser Linie fiel es an Kurfürst Friedrich Wilhelm, der es seinem General Franz du Hamel schenkte. Mit Genehmigung des Kurfürsten verkaufte der es aber gleich weiter an Benjamin Chevenix de Beville, der das Anwesen im März 1734 für 75.000 Taler an den preußischen König Friedrich Wilhelm I veräußerte. Friedrich Wilhelm wiederum schenkte es seinem Sohn Kronprinz Friedrich, dem späteren König Friedrich II. 

 

1736 zog dieser mit seiner Frau, der Kronprinzessin Elisabeth Christine, in den südlichen Flügel des Schlosses. In den Jahren bis 1740 ließ Friedrich das Schloss umfangreich von den Baumeistern Johann Gottfried Kemmeter und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff  ausbauen und erweitern. Friedrich selbst bezeichnete seine Jahre auf Schloss Rheinsberg immer als die „glücklichsten seines Lebens“. Hier gründete er die erste Freimaurerloge in Preußen. Seine Zeit in Rheinsberg sollte dann erst 1740 enden - mit der Thronbesteigung.

 

Bis zur Enteignung 1945 gehörten Schloss und Gut dem Haus Hohenzollern. In der Deutschen Demokratischen Republik war im Schloss eine Diabetiker-Klinik untergebracht. Heute gehört das Schloss mit seinen Gartenanlagen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

 

Nach aufwendigen und umfangreichen Restaurierungen ist das Schloss heute wieder als Museum zu besichtigen (Achtung: Montags geschlossen). Es beherbergt auch das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum. Im ehemaligen Kavaliershaus ist seit 1991 die Musikakademie Rheinsberg untergebracht, die das Schlosstheater betreibt. Seit 1991 findet das internationale Opernfestival Kammeroper Schloss Rheinsberg im Schlosstheater (Kavalierhaus), Schlosshof und Naturtheater statt.

 

Nach einer Nacht mit Donnergrummeln und zuckenden Blitzen am Horizont und einem morgendlichen Bad im kühlen, klaren See sowie einem leckeren Frühstück mit dampfendem Kaffee und Rührei aus der Bord-Küche starten wir früh am nächsten Tag den Motor und lösen die Leinen. Über dem Wasser liegt noch ein zarter Dunstschleier; alles ringsumher ist noch ruhig. Die noch junge Sonne wärmt bereits angenehm, ohne jedoch auf der Haut zu brennen – für uns die schönste Zeit des Tages.

 

Dann tuckern wir bewusst langsam wieder zurück Richtung unserer Ausgangsbasis Fürstenberg. Den letzten Tag an Bord unseres Nautilus wollen wir noch einmal so richtig genießen, und so wir legen hier und da an besonders schönen Stellen wie etwa vor der Landzunge zwischen Ellbogen – und Ziernsee noch einmal kleine Zwischen-Stopps zum Baden und Sonnen ein.

 

Auf unserem Wasser-Weg begegneten uns Biber, eine Ringelnatter schlängelte sich durchs Wasser, ständig kräuselte sich die Wasseroberfläche von den dicht darunter schwimmenden, teils mächtigen Fischen, und Reiher, Haubentaucher & Co. waren unsere ständigen Begleiter – wir deuteten das als Zeichen für eine intakte und teils unberührte Natur, die es zu bewahren und zu beschützen gilt.

 

Nach 31 Fluss- und Kanal-Kilometern, drei Schleusen und gut neun Stunden Fahrt (inklusive der Schleusen-Passagen und mehreren kurzen Pausen) machen wir schließlich wieder am Steg der Nautilus-Basis bei River Boating in Fürstenberg fest. Mit einem leckeren Bord-Dinner und einem Altstadt-Bummel mit Restaurant-Besuch im Gasthaus zur Linde direkt an einem der Havel-Arme und einem anschließenden Absacker an Bord unserer ELMO III beschließen wir unser erlebnisreiches und dennoch entspanntes  Hausboot-Abenteuer.

 

 

Das hat uns bis nach Rheinsberg und damit zu den schönsten Gewässern des deutschen Urlaubsgebietes „Neustrelitzer Kleinseenland“ der Mecklenburgischen Seenplatte geführt.

 

Hinkommen: vom Berliner Hauptbahnhof fahren stündlich Züge bis nach Fürstenberg, Fahrdauer etwa eine Stunde. Einkaufen / Bunkern ist direkt im Ort Fürstenberg möglich – dort gibt es mehrere Supermärkte. Oder man mietet sich ein Auto und fährt etwa eineinhalb Stunden ab Berlin bis nach Fürstenberg. Hausboot mieten: nautilus-hausbootcharter.de, Tel. +49 (0) 30 – 243 555 86, info@nautilus-hausbootcharter.de. (c) 2019