GENUA - ERST KAM DIE SEUCHE, DANN KAM DER STURM

Ob die 60. Internationale Bootsausstellung in Genua vom 1. bis 6. Oktober dieses Jahres coronabedingt überhaupt stattfinden würde, war bis zum Schluß unklar. Nachdem das Virus  den Messe-Machern in Cannes, Monaco und Southampton (dort quasi nur Stunden vor der offiziellen Eröffnung) einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, gingen viele Aussteller, Besucher und Journalisten davon aus, dass auch die Jubiläumsausgabe der Genueser Messe, die traditionell größtenteils als Inwater-Boatshow läuft, wahrscheinlich ebenfalls nicht stattfinden würde. Dann geschah das Unwahrscheinliche: es öffnete sich ein Zeitfenster, in welchem Genua kein  sogenanntes Covid- Risikogebiet war, die italienischen und die ligurischen Behörden zogen an einem Strang, und die stets optimistischen und fleißigen Messe-Macher der Boatshow wurden schließlich – für viele überraschend – doch noch belohnt. Text_Matt Muencheberg Fotos_I Salone Nautici, Matt Muencheberg 

 

 „Auf der 60. Internationalen Bootsausstellung in Genua konnten nach sechs Messetagen 71.168 Besucher gezählt und 824 Marken auf einer Gesamtfläche von über 200.000 Quadratmetern zu Land und zu Wasser präsentiert werden“, sagte Alessandro Campagna, Geschäftsführer von I Saloni Nautici, nach der Messe sichtbar erleichtert.

 

„Sicherheit und Effizienz“ seien bei der 60. Ausgabe der Show kombiniert worden, sagte Campagna, und das dies keine Worthülsen waren, wurde den Messe-Besuchern schnell klar: kaum, dass man ein Geländer angefasst hatte, wurde dieses desinfiziert, kaum, dass man im Messe-Restaurant seinen Sitzplatz verlassen hatte, wurden Tisch und Stühle gesäubert, kaum, dass man im Lift einen Knopf gedrückt oder das Klo benutzt hatte, wurden diese behandelt. Überall gab es Desinfektionsmittel, und ein Heer an Helfern überwachte die öffentlich zugänglichen Bereiche, achtete auf das Tragen von Masken und agierte bei Bedarf sofort.

 

Generell sei die diesjährige Genoa Boat Show das Ergebnis „monatelanger harter Arbeit“ gewesen, sagte Campagna, und es gebe „vieles, auf dass man stolz sein“ könne; die sechs Messe-Tage seien „sowohl für die Aussteller als auch für Besucher letztlich eine positive und emotionale Erfahrung“ gewesen, welche nur durch eine „außergewöhnliche Teamleistung“ ermöglicht werden konnte.

 

Doch nicht genug damit, dass die Messe-Macher alle Hände voll zu tun hatten mit Erstellung und Umsetzung des komplexen Hygiene- und Sicherheits-Konzeptes; erschwerend kam hinzu, dass zu Beginn der Messe starker Wind aufkam, der Regen mit sich brachte und das aufgewühlte Meer gegen die Kaimauern schleuderte, so dass salzige Gischt über die Außenbereiche der Messe wehte, Teile von Ausstellungs-Pavillons durch die Luft flogen, Fenster splitterten und die Yachten im Hafenbecken tanzten.

 

Und trotzdem – oder gerade auch deshalb – steht die diesjährige 60. Genua International Boat Show, veranstaltet vom italienischen Marine-Industrieverband und der Firma „I Saloni Nautici“ als Beispiel für Mut, Entschlossenheit und Engagement – und als ein wichtiges Zeichen für einen Neustart der am Boden liegenden Wirtschaft des Landes, welches tatsächlich für ein paar Tage die Aufmerksamkeit der Welt auf die Hafenstadt am Ligurischen Meer gelenkt hat.

 

Dabei konnte die 60. Genua International Boat Show auf die Unterstützung der lokalen Behörden und der italienischen Handelsagentur, zählen, die es unter anderem 22 Journalisten aus 20 Ländern ermöglichte, an der Veranstaltung teilzunehmen (insgesamt hatten sich 820 Journalisten akkreditiert). An den sechs Messe-Tagen liefen mehr als 70 Veranstaltungen, darunter Seminare, Konferenzen, technische Workshops, Panels und Präsentationen. 18 Weltpremieren konnten präsentiert werden, darunter auch „Mambo“, das weltweit erste Boot, das komplett mit 3D-Drucktechnologie hergestellt wurde.

 

Sanlorenzo-Chef Massimo Perotti, der nach eigenen Angaben auf der Messe fünf Yachten verkauft hat, schätzte die Veranstaltung „insgesamt positiv“ ein. I Saloni Nautici habe es geschafft, die einzige Bootsausstellung in ganz Europa zu organisieren, vielleicht sogar weltweit, und ob die Show in Fort Lauderdale Ende Oktober/Anfang November 2020 tatsächlich stattfinde, könne aktuell niemand mit Sicherheit sagen. „Hut ab vor den Organisatoren für eine angenehme und sichere internationale Bootsausstellung in Genua“, sagte auch Maurizio Balducci von Overmarine; in dieser Covid-Ära sei diese Messe „von entscheidender Bedeutung“ gewesen.

 

Auch Sara Massollo von Sunseeker äußerte sich nach der Bootsschau positiv: „Die Genua International Boat Show symbolisiert in diesem Jahr die Chance für eine ganze Branche, sich wieder erholen zu können; es war die einzige Boat Show im gesamten Jahr 2020“. Es schien ihr der richtige Weg zu sein, daran teilgenommen zu haben; man habe versucht, zu einer Normalität zurückzufinden, „die wir in den letzten Monaten sehr  vermisst haben“, sagte Massollo. „Wir wollten unbedingt an der Show teilnehmen, da wir der Meinung waren, dass eine Teilnahme an dieser Show sehr wichtig ist“. Sie wünsche sich, „dass Genua zu früherem Glanz zurückkehrt“ und die Stadt die Relevanz erlange, die sie verdiene.

 

„Stürmische See trennt immer die wahren Seeleute vom Rest“, sagte der Bürgermeister von Genua, Marco Bucci, nach der Messe. Nun plane man ein weiteres, noch ehrgeizigeres Projekt als eine Messe unter Corona-Bedingungen und stürmischer See zu organisieren: „Jetzt, da ein Zehnjahresvertrag für die Messe unterzeichnet ist, können wir an den neuen Docks, an der Levante Waterfront und auf einer Fläche von 400.000 Quadratmetern arbeiten, um die weltweit führende Bootsausstellung zu werden“.

 

Das life@sea.online-Team war bei der 60. Genoa Boat Show vor Ort und wird an dieser Stelle zeitnah über die dort gezeigten Neuheiten und Weltpremieren berichten – auf lifeatsea.online/yachts/ sowie auf unseren Social Media-Kanälen FB und Insta und als Print in den nächsterreichbaren Ausgaben von Meer & Yachten, meerundyachten.de(Foto oben: life@sea.online auf der 60. Genoa Boat Show (rechts, Red. Matt. Müncheberg, mit Eugenio aus Argentinien), unten: obere Reihe und unten links: die Boat Show aus der Vogelperspektive, (c) Messe, unten mitte: Sanlorenzo-Chef Massimo Perotti bei der SL-Pressekonferenz, (c) Matt. Muencheberg. 


TOO PRECIOUS TO LOSE

 

Mit einem Fest-Akt wurde am Messe-Montag Abend der diesjährigen boot Düsseldorf die Verleihung des dritten „ocean tribute“ Awards auf der blue motion night in der Superyacht-Halle 6 gefeiert. Große Freude herrschte bei den „Sea Women of Melanesia“, die den diesjährigen, mit 20.000 Euro – von der Fürst Albert II Stiftung und der boot Düsseldorf zur Verfügung gestellt – dotierten Preis gewannen.  

 

In diesem Projekt werden junge, engagierte Melanesierinnen aus den Staaten Papua-Neuguinea, Salomonen, Fidschi und Vanuatu speziell geschult, um rund um die einzigartigen, größten zusammenhängenden Korallenriffe der Welt Meeresschutz-Zonen errichten zu können.

 

Ein internationales Team von Meeresbiologen ist vor Ort und bildet die Mädchen und Frauen im Tauchen und in der Vermessungstechnik zum Erhalt und Schutz der Korallen aus. Ihr aufrüttelndes Motto ist „Too precious to lose“ („zu wertvoll, um sie zu verlieren“).

 

Laudator Boris Herrmann, selbst ein engagierter Meeresschützer und letztjähriger Preisträger, zitierte in seiner Rede auf die Siegerinnen die berühmte Weltumseglerin Tracy Edwards: "Stärke ein Mädchen und du stärkst die Welt.“ Herrmann wies auf die besonderen Herausforderungen für die Menschen in Melanesien hin. Dabei geht es um das Überleben der Korallenriffe, die durch zu hohe CO2-Emissionen und die daraus resultierende Versäuerung der Ozeane vom Aussterben bedroht sind.

 

Die Preisträger wollen der Bevölkerung mit Bildung sowie Hard- und Software helfen, ihren eigenen Lebensraum erhalten und pflegen zu können. Auf diese Weise können sie dazu beitragen, die Ressourcen für die lokale Fischerei als Nahrungsquelle für die Bevölkerung zu verteidigen. Das Projekt und seine Initiatoren fördern auch die nachhaltige Entwicklung des Tourismus. All dies kommt den Menschen und ihren Heimatgewässern in Melanesien zugute.

 

Der Skipper erläuterte: „Der mit der Finanzierung von 20.000 Euro verbundene Preis könnte kaum besser genutzt werden. Die Initiatoren kündigten im Voraus an, dass sie 20 weitere melanesische Frauen zu Riffpflegern für ihre jeweiligen Gemeinden ausbilden werden. Das wird jetzt möglich sein! Ich kann nur meinen Hut vor den starken Ideen und der erfolgreichen und vorbildlichen Arbeit der Preisträgerinnen ziehen.“

 

Die Auszeichnung überreichten Boris Herrmann, der Vertreter der Fürst Albert Stiftung in Deutschland Dr. Bernd Kunth und Messechef Werner Matthias Dornscheidt an Meeresbiologin Lucie Guirkinger, die den Preis für die „Coral Sea Foundation“ und die „Sea Women of Melanesia“ entgegennahm.

 

Mit einem fulminanten Auftakt war die boot 2020 ins neue Jahrzehnt gestürmt. Mehr als 250.000 Wassersportfans (2019: 247.700) aus 106 Ländern fanden den Weg nach Düsseldorf. Davon waren rund ein Viertel internationale Besucher. An der Spitze der Länderstatistik stehen die Niederlande, Belgien, Großbritannien, die Schweiz, Italien und Frankreich, sowie aus Übersee die USA und Kanada. „Dieser hohe Wert an internationalen Besuchern zeigt, dass wir mit dem Konzept der boot für die Zukunft sehr gut gerüstet sind“, sagte boot-Director Petros Michelidakis. Hier in Düsseldorf, mitten im nordrhein-westfälischen Binnenland, habe man tatsächlich die international bedeutendste Plattform für den Wassersport geschaffen.

 

Die diesjährige boot habe deutlich die große Innovationskraft der Branche bewiesen. Im Fokus haben unter anderem alternative Antriebe, Bootsbau aus nachwachsenden Rohstoffen und internationale Projekte für den Meeresschutz gestanden.

 

Die boot 2021 öffnet - nach aktuellem Stand - vom 23. bis 31. Januar ihre Tore in Düsseldorf. Die ersten Boote und Yachten sollen dann wieder im Dezember über den Rhein anreisen. boot.de

 

 

Foto oben: Zum Abschlussfoto trafen sich auf der Bühne (v.l.n.r.): Boris Herrmann, Frank Schweikert, Deutsche Meeresstitung, Frédéric Labarrère, Botschafter des Fürstentums Monaco, Petros Michelidakis, Director boot Düsseldorf, Werner Matthias Dornscheidt, Lucie Guirkinger, Dr. Bernd Kunth, Peter Walpurgis, „ocean tribute“ Sponsor Seabob. Foto_Messe Düsseldorf/ctillmann