MALEDIVEN-BARFUSS-SEGELN

 

Das jüngst eröffnete The Nautilus befindet sich auf der maledivischen Privatinsel Thiladhoo inmitten des UNESCO-Biosphären-Reservates des Baa Atolls. Das Mini-Eiland gehört nicht nur zu den exklusivsten Resorts der Welt, das seinen Gästen viel Flexibilität, Freiheit und Privatsphäre offeriert. Das Management besann sich auch der kulturellen Traditionen, die auf dem mitten im Stillen Ozean gelegenen Archipel viel mit handwerklich perfektem Holz-Bootsbau und geschicktem Segeln zu tun haben. Aus diesem Grund ließ es von den alten Bootsbau-Meistern eines benachbarten Atolls nach originalen Plänen eine traditionelle Bokkura neu bauen. Dieses hübsche kleine, flachgehende Boot mit dem großen Lateiner-Segel steht ab sofort auch den Gästen der Insel für stunden- oder tageweise Törns zur Verfügung. Wer will, steuert selbst, holt das Baumwollsegel dicht oder nimmt die Riemen in die Hände. Wenn dann noch eines der unbewohnten Eilande oder eine Sandbank angesteuert wird,  kann man eine Ahnung davon bekommen, wie es wohl gewesen sein mag auf den pittoresken Malediven – bevor in den Siebzigern der Tourismus- und damit der Bauboom einsetzte, der noch immer ungebremst anhält. life@sea ging an Bord und machte den Selbsttest. Text_Matt Müncheberg Fotos_The Nautilus, Matt Müncheberg

 

Wer darüber hinwegsehen kann , dass es sich bei dem Inselstaat der Malediven mit seinen 1.196 Inseln im Indischen Ozean südwestlich von Sri Lanka – jedenfalls nach westlich- europäischem Verständnis – nicht gerade um eine sogenannte „lupenreine“ Demokratie handelt, dass die Müllproblematik der Inselgruppe nach wie vor prekär ist (bei der Landung auf dem Airport in Malé kann jeder die „Müllinsel“ Thilafushi sehen, auf der ständig offen alle Arten von Müll verbrannt werden), wen es auch nicht stört, dass viele der im Akkord hochgezogenen Touristen-Resort-Eilande nach wie vor durch sogenanntes Landscaping in die gewünschte Form gebracht werden, und dass jede der mittlerweile über 147 Urlauber-Inseln (manche behaupten, es seien schon fast 200) von – Tag und Nacht Unmengen von Diesel schluckenden – riesigen Generatoren angetrieben werden, wer das alles also per se auszublenden gewillt ist, für den gibt es gute Nachrichten.

 

Mit dem The Nautilus Maldives gibt es seit 2019 auf der maledivischen Privatinsel Thiladhoo Island – gelegen inmitten des (eigentlich geschützten) UNESCO-Biosphärenreservates des Baa Atolls – ein neues, kleines aber feines Resort; es wird sogar behauptet, dass es sich bei dem Inselchen um eines der exklusivsten Resorts der Welt handeln soll. Im Hinblick auf die (nicht vorhandenen, festen) Öffnungszeiten der insgesamt drei ausgezeichneten Restaurants, der (auf Wunsch individuell zusammenstellbaren) Menüs und der extraordinären Spa-Behandlungen dürfte daran jedenfalls kein Zweifel bestehen.

 

Es dürfte wohl auch kaum ein anderes Resort auf den aus mehreren Atollen bestehenden Archipels im Indischen Ozean geben, bei dem (neben viel Service, Komfort und Privatsphäre) die Flexibilität und Freiheit des Gastes tatsächlich so großgeschrieben wird wie hier. Geht nicht? – gibt es nicht auf der Insel, die, bevor sie zu „The Nautilus“ umgewidmet wurde, unter dem originären Namen Thiladhoo bekannt war. Soweit irgend möglich, kann hier jeder Gast machen, was er will, und wann er will.

 

Die Wünsche der Gäste nach außergewöhnlichen Erfahrungen werden jedoch nicht nur  bezüglich der insgesamt lediglich 26 Strand- und Overwater-Villen (die hier mit viel Understatement nur „Houses“ heißen), der Menüs in den Restaurants oder spezieller Wedding-, Cinema- oder individueller Wunsch-Events erfüllt. The Nautilus ist zuvörderst auch – zumindest für denjenigen, der hier nicht ausschließlich relaxen und schlemmern will – ein wahres Wassersport- Eldorado: Paddeln in Seekayaks ist ebenso selbstverständlich (kostenfrei) möglich wie SUPen, Kat-Segeln, Kiten und Schnorcheln in und außerhalb der Lagune, in welcher sich kleine Haie, Rochen und viele bunte Fische tummeln.

 

Gegen Gebühr gibt es auch motorisierten Wassersport wie etwa die Nutzung von modernen Jet-Skies. Wer will, unternimmt stunden- oder tageweise Törns mit einer (zwar nicht mehr ganz neuen, aber sehr gepflegten) 54 Fuß langen Princess-Motoryacht und lässt sich vom Vorschiff oder der komfortablen Flybridge aus Plätze zeigen, an denen Delphine springen oder Manta Reys elegant durchs Wasser pflügen.

 

Für Hochsee-Angler wurde jüngst sogar eine neue Riviera-Motoryacht mit großem Achter-Cockpit und allem erdenklichen Gerät angeschafft, und für Taucher gibt es die unter Kennern wegen ihres besonders Fisch- (und Hai-) reichen Riffs angesagte, geschützte Hanifaru Bay, in der zu bestimmten Zeiten – zumeist in der zweiten Jahreshälfte – viele der eleganten, großen Manta Reys und die friedlichen Walhaie anzutreffen sind.

 

Was The Nautilus jedoch für die Segler unter den Wassersport-Fans so besonders (und damit auch für unser life@sea-Team interessant) macht, ist die bewusste Besinnung auf die Tradition, zumindest was den Bootsbau betrifft. So wurde etwa gleich nach Eröffnung des Resorts vor einigen Monaten von Holzbootsbauern eines benachbarten Atolls aufwendig eines der traditionellen Bokkura-Segelboote nach historischen Vorbildern komplett neu gebaut.

 

Hölzerne Bokkuras sind die kleinsten traditionellen Boote, die bis vor einigen Jahrzehnten noch zu Hunderten auf den Malediven anzutreffen waren, und die, seit die viel praktischeren, motorisierten Kunststoff-Boote auf dem Archipel Einzug gehalten haben, aktuell vom „Aussterben“ bedroht sind.

 

Bokkuras, die den traditionellen Dhonis ähneln, aber mit maximal sechs bis acht Metern Länge viel kleiner sind als diese und lediglich Platz für bis zu drei Segler bieten, wurden früher von den Einheimischen oft zum Fischen an den Riffen genutzt, und sie dienten als Tender-Boote zwischen den großen Dhonis und den flachen Stränden, denn Stege, Häfen und Jetties gab es damals noch nicht.

 

Die Bokkura von Thiladhoo hat – wie ihre originalen Vorgängerinnen auch – traditionell zwei Riemen, die mit Enden an nach oben verlängerten Spanten des Rumpfes fest aber beweglich verbunden sind. Man rudert das Boot allein oder zu zweit mit dem Blick Richtung Heck durch eine Öffnung im Riff hinaus in die offene See, dann wird – nachdem mit wenigen Handgriffen aus Tauwerk Wanten und Vorstag gespannt wurden – das an einer langen Spiere, auch Lateinrah genannt, befestigte dreieckige Lateiner-Segel gesetzt. Das ist in Relation zu dem kleinen, verhältnismäsßg flachgehenden Rumpf (das Boot besitzt keinen Kiel) ziemlich groß bemessen.

 

Da das originale, aus Baumwoll-Streifen längs zusammengenähte Latein-Segel nicht gerefft werden kann, sollte man vorher genau aufs Wetter schauen: droht stärkerer Wind, ist man gut beraten, vorn vornherein ein kleineres Segel anzuschlagen. Die einzige vorhandene Schot, die gleichzeitig zum Dichtholen des Segels, zum Niederholen des Unterlieks und Straffen des Achterlieks dient, verläuft wie bei einem Vorsegel von der Schothorn-Kausch  zunächst nach unten durch eine hölzerne Führung und von dort zu einer festen, achterlich aufgestellten Baumstütze, An dieser wird oben, ähnlich wie auf einer Klampe, die Schot so belegt, dass diese zwar fest ist, aber dennoch jederzeit schnell gelöst werden kann, falls das erforderlich ist.

 

Gesteuert wird stehend mit einem Fuß auf der hölzernen Pinne, die auf ein schräges Spatenruder aufgesteckt ist; dieses ist wiederum – ebenfalls mit Tauwerk – fest aber trotzdem beweglich mit dem spitz zulaufenden Heck des Bootes verbunden. Als ich mich wie vom Jollensegeln gewohnt aufs Deck des Hecks setzen will, Blick nach vorn und die Pinne in der einen sowie die Schot in der anderen Hand haltend, ernte ich von den maledivischen Seglern nur belustigte und missbilligende Blicke.

 

Also stelle ich mich ins Boot, Fuss auf die Pinne, Schot locker am Top der Baumstütze belegt – na geht doch; nun sind die Locals zufrieden und nicken anerkennend ob des Faktes, das unser Bötchen geradeaus fährt – mit mir Greenhorn am Steuer. Nach kurzer Zeit an der Pinne stelle ich fest: das Prinzip funktioniert – bei moderatem, gleichmäsßg wehendem Wind – ausgezeichnet und macht nach kurzer Eingewöhnungszeit richtig Spaß. Wer wie wir einige seglerische Erfahrungen mit hölzernen und modernen (europäischen) Jollen hat, wird keine Probleme mit dem Steuern einer Bokkura haben, zudem auch die Segelführung vergleichsweise einfach gehalten ist.

 

Dennoch sollte das Segeln mit diesem liebenswerten, traditionellen offenen Boot nicht unterschätzt werden. Frischt der Wind auf, geht die Bokkura ab wie „Schmidts Katze“ – und erreicht einen Speed, den man dem kleinen, aus Kokospalmen-Holz gebauten Boot nicht zugetraut hätte. Jetzt ist Konzentration am Steuer gefragt, auch muss der Versatz durch den Wind mit einberechnet werden, der – in Ermangelung eines Kiels – nicht unerheblich ist.

 

Zudem macht es sich jetzt durchaus positiv bemerkbar, wenn die Crew – wie wir aus dem Regattasport kommend – ohne viel Nachzudenken intuitiv trimmt. Denn: das kleine, flachgehende Boot besitzt verhältnismäßig wenig Freibord, und es ist rank – das heißt:  ziemlich wackelig.

 

Haarig wird es, soll die – eigentlich jedoch sehr gutmütige – Bokkura bei etwas mehr Wind gewendet werden. Denn nun muss – nachdem man zunächst, so gut es geht, an Fahrt gewonnen hat – das verhältnismäßig große Lateinersegel, im Wind stehend, möglichst schnell zusammengerollt werden, um dann mit der gesamten, ziemlich unhandlichen Spiere über den Masttop gehievt werden zu können.

 

Im Idealfall geschieht dies, nachdem der Bug durch den Wind gegangen ist. Wenn sich das Boot dann auf dem neuen Bug befindet, wird das Segel schnell wieder ausgerollt und sofort dichtgeholt. Hat man Zeit, ist es keine Schande, dieses Manöver durch Paddeln zu unterstützen. Und im Zweifelsfall hat man hier auf den Malediven viel von diesem kostbaren Stoff: Zeit. So kann, während ein Crewmitglied rudert, sich ein anderes an Bord voll und ganz auf das Segel konzentrieren, während der Skipper achtern den Kurs hält.      

 

Nachdem wir eine Weile so einige Eilande des Baa-Atolls abgesegelt sind, passieren wir Madhiri Vadhoo. Madhiri steht in Dhivehi, der Sprache der Malediven, für Mücken, Vadhoo für Insel, und so taufen wir dieses Inselchen, welches Thiladhoo vorgelagert ist, kurzerhand Moskito Island. Die natürliche, unbebaute und unbewohnte Insel gibt uns einen Eindruck davon, wie die Inseln des Baa-Atolls einst ausgesehen haben müssen, bevor vor einigen Jahrzehnten der Tourismus-Boom auf dem Archipel eingesetzt hat.  

 

Ein sandiges Eiland, in dessen Mitte sich außer ein paar Palmen, Buschwerk – und im Fall von Moskito Island – in der Mitte ein kleiner See befindet, wie aus der Zeit gefallen, idyllisch, kitschig schön und zu einem spontanen Besuch einladend. Info: thenautilusmaldives.com

 

HINKOMMEN: Etwa mit Turkish Airlines über Istanbul, turkishairlines.com  

 

 

 

WAS JEDER TUN KANN, UM DIE UMWELT ZU SCHÜTZEN

 

 

Bevor man seinen Malediven-Urlaub bucht, sollte man sich informieren, wie es das Resort mit der Umwelt hält. Es gibt Resorts, die konsequent Müll vermeiden, und anfallende Restabfälle fachgerecht entsorgen oder sogar recyceln. Einige Unternehmen ersetzen nach und nach Plastik- gegen Glasflaschen, Kaffeemaschinen mit in Aluminium eingeschweißten Plastik-Kapseln in den Bungalows gegen die Umwelt schonendere Geräte, und sogar Glas wird teilweise eingeschmolzen und daraus neue Behältnisse oder gar Kunst gemacht. Es gibt Resorts, die die Dächer ihrer Villen, Spas, Restaurants und Staff- Gebäude mit Solardächern bestücken, um den Dieselverbrauch der Generatoren wenigstens ein wenig eindämmen zu können. Auf The Nautilus werden die Gäste dazu angehalten, Müll zu vermeiden, Wasser gibt es nur in Glasflaschen, der Müll wird getrennt und nach Thilafushi gebracht, und die Urlauber werden aufgefordert, ihren im Resort anfallenden Plastikmüll einfach wieder mit nach Hause zu nehmen – auch wir haben uns während unseres Aufenthaltes daran gehalten. Natürlich ersetzt das alles nicht eine – bisher nicht vorhandene – solide Umweltpolitik der maledivischen Regierung, die diesen Namen wirklich verdient.